Interview: Jons Messedat

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Dr. Jons Messedat ist Architekt und Industriedesigner. Leitthema seiner Karriere als Autor, Hochschullehrer und Gründer des Instituts für Corporate Architecture ist die gebaute Identität für Unternehmen. Sein neu erschienenes Buch „Corporate Museums“ aus dem avedition Verlag legt hierzu einen weiteren, längst überfälligen Baustein vor. 

Firmenmuseen sprießen wie Pilze aus dem Boden: Ist dies eine Modeerscheinung? 

Nein, Corporate Museums sind kein modischer Trend, sondern eine aktuelle Bau- und Kommunikationsaufgabe, die unsere wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung widerspiegelt: Seit dem Wirtschaftswunder sind viele Unternehmen und Marken entstanden,  die mit neuen Ideen und Produkten weltweit erfolgreich sind. Es sind enorm spannende „Wirtschaftsgeschichten“ geschrieben worden, die unsere Alltagskultur bis heute prägen. Nach meiner Einschätzung  ist es nun an einfach der Zeit, diese Geschichten räumlich zu erzählen: das heißt sie aufzuarbeiten, zu dokumentieren und im Rahmen eines Firmenmuseums zu präsentieren. 

Was leisten Firmenmuseen?
Welche Aufgaben und Funktionen erfüllen Firmenmuseen als Bestandteil der Corporate Architecture?

Unter dem Begriff Corporate Architecture können alle räumlichen Präsenzen von Unternehmen zusammengefasst werden - vom temporären Messestand über die Filialen, bis hin zur Hauptverwaltung. Firmenmuseen übernehmen in diesem weit verzweigten System die Aufgabe, eine erlebbare „Heimat“, quasi als Herzstück der Marke zu schaffen. Für Kunden aus aller Welt und internationale Geschäftspartner können an diesem einzigartigen Ort nicht nur technische Sachverhalte, sondern auch Emotionen vermittelt werden. 

Emotional Branding wird oft als Stichwort genannt: Welchen Beitrag können Firmenmuseen hierzu leisten?

In Werbung und Marketing werden gerne Anglizismen eingesetzt, um Sachverhalte zielgruppengerecht zu umschreiben. Ich denke, vor diesem Hintergrund leisten  Firmenmuseen genau das, was unter dem Stichwort „Emotional Branding“ verstanden werden kann. Sie werden gebaut, um gelebte Erfahrungen, Erlebnisse und Errungenschaften -  also Emotionen zu kommunizieren. Nur hier können alle Sinne angesprochen werden, wie beispielsweise mit dem Duft von altem Leder, dem Geräusch eines kraftvollen Motors oder dem spärlichen Licht in der Arbeitsumgebung unserer Vorfahren. 

Welchen Platz haben Firmenmuseen in einer Welt der hochgradigen Digitalisierung? 

Firmenmuseen behaupten nicht trotz, sondern wegen der zunehmenden Digitalisierung ihren heutigen Stellenwert. Sie können für alle Generationen Lernprozesse in Gang setzen, denn sie bewahren das bisherige Wissen und geben Ausblicke auf zukünftige Herausforderungen. Sie bieten sogar ein ideales Experimentierfeld für die neuen Schnittstellen zu den virtuellen Dimensionen des Raums. Vor allem bei meiner Arbeit mit Studenten erlebe ich es, dass beispielsweise Elemente der Augmented Reality ganz selbstverständlich Eingang in die Entwurfsarbeit finden. Wir sind derzeit in einer Phase des Umbruchs, der die Grenzen zwischen den Fachdisziplinen ebenso verschwimmen lässt, wie die von realem und virtuellem Raum. Der physisch erlebbare Ort der Begegnung - sei es nun mit Marken oder Menschen – wird durch das virtuelle Surrogat nicht ersetzt, sondern auf spannungsvolle Weise ergänzt. Emotional Branding at its best. 

Fotografie: (links oben) avedition GmbH, (rechts oben) Tom Philippi.